Daniel hat seinen Master of Laws fast in der Tasche, er ist in der Bewerbungsphase. Stolz auf seine Abschlüsse (Kaufmann, LL.B und LL.M) und seine ersten beruflichen Erfahrungen, füllt er sein xing-Profil aus: Vertragsmanagement, Kaufrecht, HR, Arbeitsrecht, Compliance. Bisher sucht er ja mehr, als er zu bieten hat, aber als Berufseinsteiger ist er ungebunden, flexibel und offen für Neues. Zwei Tage später meldet sich Mandy:

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Der Angesprochene schaut auf Mandys xing-Profil: Sie arbeitet bei einem Personaldienstleister in Hamburg, es scheint ihr erster Job zu sein. Ihre Ausbildung: Universität  Hamburg, keine Jahreszahl, keine Fachrichtung, offensichtlich ohne Abschluss. Neben ihrem Foto mit dem etwas fragenden Blick steht: „International Recruiter & Business Development”. Daniel sucht nach der Firma, Mandy ist auf der Homepage nicht zu finden. Aber die Branche klingt spannend: Luftfahrt. Er sucht unter den Job Opportunities nach der Vakanz. Es müsste ja etwas mit Jura sein, wenn das für einen Wirtschaftsjuristen passen sollte. Er findet eine Juristenstelle im Vertragsmanagement: 3 Jahre Berufserfahrung, Vollzeit ab sofort (AÜG), in Hamburg. Daniel sendet seinen CV mit dem Hinweis, dass er in Berlin wohnt. Kurz darauf klingelt sein Handy.

Der Recruiter ruft an

Mandy ist begeistert, dass er alles schon gemacht hat, was die Stelle fordert. Daniel verweist vorsichtshalber darauf, dass seine Erfahrungen, die er studienbegleitend  erworben hat, wohl noch nicht ganz dem Umfang und den Anforderungen ihres Kunden in der Luftfahrtindustrie entsprechen könnten. Er stellt einige konkrete Fragen zu den Aufgaben und dem Verantwortungsbereich der Position, die sie leider nicht beantworten kann. Mandy meint, es steht doch alles in der Stellenbeschreibung, die er übrigens gut recherchiert hat, sie kichert. Dann wieder ernst “Ich brauche jetzt  erst einmal weitere Unterlagen von Ihnen und natürlich Ihren Gehaltswunsch.”

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Der Einstellungsfragebogen lässt keine Fragen offen. Von der Einwilligung zu Militärprojekten bis zur Schwerbehinderung und der lückenlosen Aufzählung aller bisherigen Arbeitgeber sowie der dort erworbenen Fachkenntnisse wird auf 5 Formularseiten alles abgefragt. Was passiert eigentlich mit den Daten nach dem Auswahlprozess? Daniel fragt nach einer Datenschutzerklärung, Mandy reagiert verschnupft.

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Daniel sendet ihr den Link zu der Datenschutzerklärung auf ihrer Homepage und den ausgefüllten Fragebogen. Sie will noch mehr.

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Daniel fährt zum Vorstellungsgespräch nach Hamburg – auf eigene Kosten

Mandy hat leider keine Zeit, ihn persönlich kennen zu lernen. Aber ihr Kunde, der Leiter Vertragsmanagement, empfängt Daniel freundlich und nimmt sich über eine Stunde Zeit für ein offenes Gespräch auf dem Firmengelände. Nach den ersten Minuten steht fest, dass die ausgeschriebene Stellenanzeige nichts mit der tatsächlichen Vakanz in dem Luftfahrtunternehmen zu tun hat. Der Kunde sucht eine Krankheitsvertretung in Teilzeit, maximal 30 Stunden, mit überwiegend administrativen Aufgaben und nur einem juristischen Schwerpunkt, Prüfung von Handelsvertreterverträgen, maximal für 6 Monate, ohne Option der Verlängerung – Arbeitsbeginn am kommenden Montag. Er fragt Daniel, warum er sich als Berliner denn auf diese Position beworben hat und ob er nicht selbst denkt, dass er als Wirtschaftsjurist überqualifiziert wäre?

Auf der Rückfahrt nach Berlin ruft Mandy an 

„…und wie hat es Ihnen gefallen, machen Sie den Job?“ Daniel fragt sich, ob sie denn schon mit dem Kunden gesprochen hat. Er atmet tief durch, in ihm brodelt es. „Da gibt es keinen Job, den ich annehmen könnte. Ihr Kunde hat mir geschildert, was er eigentlich sucht und vor allem zu welchen Konditionen.“ Mandy etwas aufgebracht: „Wie, hat er jetzt alles widerrufen? Das ist die Schuld des Kunden, mir hat er was ganz anderes erzählt. Wäre es aber trotzdem für Sie interessant?“

Jetzt reagiert auch er energisch: „Noch einmal, selbst wenn ich die Aufgabe annehmen würde, weil mich ehrlich gesagt die Branche und das Unternehmen reizt, auch könnte ich mir Ihren Kunden als Chef gut vorstellen — ich kann nicht in der nächsten Woche an Hamburg anfangen, ich wohne in Berlin. Nur falls Sie es immer noch nicht geschnallt haben, ich kann weder unter der Brücke noch im Auto schlafen, ich brauche zumindest eine Bleibe in Hamburg.“

„Na, ich habe ja ganz viel Connection in Hamburg, da können wir doch was machen, sagen Sie mal eine Zahl.“ Daniel stutz: „Was für eine Zahl?“

„Was Sie verdienen müssen, damit Sie sich hier eine Wohnung mieten können. Aber vorher brauche ich noch die G37 Untersuchung, die haben Sie immer noch nicht gemacht.“ Daniel neigt sich ganz weit nach vorn und umklammert das Lenkrad, als wollte er vor Wut hineinbeißen. Er spricht langsam und ganz leise, wie zu einem kranken Haustier: „Liebe Mandy, die G37 ist eine freiwillige Untersuchung nach der Bildschirmarbeitsplatzverordnung, die der Arbeitgeber dem Mitarbeiter anbieten muss und der Arbeitnehmer in Anspruch nehmen kann. Zur Erinnerung, ich bin Jurist. Ich werde nicht noch 100 Euro dafür bezahlen, damit Sie Ihre Datenbank mit meinen Unterlagen füllen können. Und überhaupt, was sagt eigentlich Ihr Kunde, gab es schon ein Feedback?

„Nein, aber wenn das mit der Stelle nicht klappt, ich habe ja immer wieder mal was für Juristen in Hamburg.“

Am nächsten Tag kam die Absage per Mail.

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Daniel hat das Angebot zur Datenlöschung angenommen. Die Reisekosten trägt er selbst, immer noch besser, als dort arbeiten zu müssen. Er hat sich per Mail direkt beim Kunden bedankt, für die offenen Worte und seine Zeit, ihn auf dem Firmengelände zu empfangen. Nebenbei hat er empfohlen, sich nach einem fähigen Personaldienstleister umzuschauen, denn ansonsten hätte er Angst, in ein Flugzeug zu steigen.