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Das unbeschriebene Blatt

SchreibWerkstattDas Schreiben gehört eigentlich zu Ihrer Profession, schließlich ist die Juristerei an die Sprache gebunden. Akten, Verträge, Briefe, Dokumente, E-Mails, Notizen selbst Niederschriften, nichts ist Ihnen fremd. Sie beherrschen die Orthografie ebenso wie die deutsche Grammatik und haben sogar Ihren eigenen Schreibstil entwickelt. Aber wenn Sie eine Bewerbung schreiben sollen, dann sitzen Sie stundenlang vor einer leeren Seite. Sie löschen und verwerfen und sind mit keiner Version zufrieden. Sie zweifeln, denken über dies und jenes nach und manchmal stellen Sie alles, auch sich selbst, infrage. Kann ich das, bin ich das, will ich das überhaupt? Das Schreiben, diese elementare Kulturtechnik zählt zu den menschlichen Grundfertigkeiten und sollte Ihnen, wenn Sie sie in der Schule erlernt haben, locker von der Hand gehen. Doch das Schreiben führt auch dazu, Dinge tiefer zu hinterfragen, weiter darüber nachzudenken und intensiver zu verarbeiten. Es ist gar nicht das Schreiben, das Ihnen so schwer fällt – es ist das Denken, das Nachdenken über sich selbst und über das Leben.

Da sitzen Sie nun an Ihrem Schreibtisch, vor Ihnen liegt ein leeres Blatt Papier. Nach den ersten drei ewigen Gedankenminuten kochen Sie sich einen Kaffee oder einen Wohlfühltee. Dabei denken Sie: Eigentlich bin ich ja gar kein unbeschriebenes Blatt, aber nicht alles, was ich in meinem Leben angestellt habe, sollte im Lebenslauf stehen. Schmunzelnd setzen Sie sich wieder hin. Sie nehmen den Stift zur Hand, atmen tief durch und schauen vorsichtshalber noch einmal auf die ausgedruckte Stellenanzeige. Bitte senden Sie Ihren tabellarischer Lebenslauf…
Tabelle…das geht nur am Computer. Sie legen den Stift zur Seite. Während der Computer hochfährt, suchen Sie erst einmal Ihre Zeugnisse. Sollten da alle Zertifikate rein? Egal, hier steht chronologisch. Sorgfältig füllen Sie die linke Spalte der Tabelle mit Ihren Abschüssen und Arbeitsstellen. Aber Sie schreiben nicht mehr, Sie tippen nur noch. Sie denken auch nicht mehr über sich selbst nach, nur noch über die Bezeichnungen der Ausbildungseinrichtungen und Arbeitsstellen, grübeln über Anfangs- und Austrittsdaten. Wenn Sie so weiter machen, dann wird Ihr Lebenslauf denen Ihrer Mitbewerber zum Verwechseln ähnlich sein. Schalten Sie den Computer aus, nehmen Sie Ihren Kaffee oder Tee und begeben Sie sich in Ihre Lieblingsecke. Nehmen Sie ein Stück Papier und einen Bleistift und schalten Sie Ihren Kopf ein. Beginnen Sie, über Ihr Leben nachzudenken… zur SchreibWerkstatt ⇒

“Jeder Mensch erfindet sich im Leben eine Geschichte, die er für sein Leben hält.” Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein.