{"id":6256,"date":"2018-10-31T11:57:50","date_gmt":"2018-10-31T10:57:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.legalprofession.de\/?p=6256"},"modified":"2023-07-04T18:26:02","modified_gmt":"2023-07-04T16:26:02","slug":"die-reno-digitalisierung-oder-weggelaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.legalprofession.de\/index.php\/die-reno-digitalisierung-oder-weggelaufen","title":{"rendered":"Die ReNo &#8211; wegdigitalisiert oder weggelaufen"},"content":{"rendered":"<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Die ReNo &#8211; wegdigitalisiert oder weggelaufen? Nein, die Rechtsanwaltsfachangestellte bleibt in Zeiten der Digitalisierung unverzichtbar.<\/span><\/h5>\n<p>Am Rande von Zukunftskongressen der Anwaltschaft und LegalTech-Konferenzen der Rechtsdienstleister fallen oft Bemerkungen \u00fcber die ReNo, obwohl die ReNo an sich auf diesen Branchentreffen kaum eine Rolle spielt. Nur der Umstand, dass sie sich gerade sehr rarmacht, wird zumeist in der Mittagspause mit einem kurzen Satz abgehandelt.<\/p>\n<pre><em>\u201eIn ein paar Jahren braucht keiner mehr eine ReNo, dann haben wir alle digitalisiert.\u201c<\/em><\/pre>\n<p>Um diese Prognose zu wiederlegen, m\u00fcsste man eigentlich nicht einmal beA bem\u00fchen. Aber dieses besondere elektronische Anwaltspostfach ist ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, dass die Digitalisierung sehr viel Fachkompetenz erfordert. Gerade, wenn die Entwickler diese Kompetenz nicht in das Produkt stecken, brauchen die Anwender umso mehr Fachkompetenz, guten Willen und Ausdauer, um das Ding dann in der Kanzlei anzuwenden. Unabh\u00e4ngig von dem Desaster dieses beA \u00fcberhaupt einzuf\u00fchren, hat allein die Ank\u00fcndigung der eventuell stattfindenden Inbetriebnahme selbst JUVE-Award gek\u00fcrte Topkanzleien des deutschen Kanzleimarktes dazu veranlasst, in g\u00e4ngigen Stellenportalen nach \u201ebeA-verst\u00e4ndigen Rechtsanwaltsfachangestellten\u201c zu suchen. Gut, das war bereits Ende 2017, als man noch dachte, dass beA ans Netz geht. In der Zwischenzeit waren die Stepstone Anzeigen wieder verschwunden. Aber seit der Wiedergeburt von beA ist ganz offensichtlich, dass Digitalisierung viel Arbeit macht und die Rechtsfachwirte und Rechtsanwaltsfachangestellten stark gefordert sind. Man findet sie dann bei Weiterbildungsveranstaltungen wie dem von Soldan initiierten Deutschen Rechts- und Notarfachwirttag, der \u00fcbrigens 2019 in Berlin stattfindet. Dort tauscht man sich aus, \u00fcber Fehlermeldungen, Sicherheitsm\u00e4ngel und Vers\u00e4umnisfallen, die der BGH schon vorausahnt.<\/p>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Die ReFa sorgt sich um Post und Fristen &#8211; und um beA<\/span><\/h5>\n<p>Man muss nun feststellen, dass man auch f\u00fcr beA eine ausgebildete, zuverl\u00e4ssige, geschulte und ge\u00fcbte Rechtsanwaltsfachangestellte oder sogar eine Rechtsfachwirtin braucht oder sich zumindest eine w\u00fcnscht. Und das ist richtig, denn selbst ein simples Postfach ist ein St\u00fcck Kanzleiorganisation. Und Kanzleiorganisation lernt nun einmal die Rechtsanwaltsfachangestellte in ihrer Ausbildung. Der Rechtsanwalt hat sich mit dem Tag seiner Zulassung mit diesen Themen noch nicht auseinandergesetzt. Der zuk\u00fcnftige Anwalt studiert Jura und wird auf das Richteramt vorbereitet. Kanzleiorganisation, Fristenberechnung, Aktenanlage, Kosten- und Geb\u00fchrenrecht, Mandatsverwaltung, Mahnverfahren und Zwangsvollstreckung sind da nicht vorgesehen. Bei der Rechtsanwaltsfachangestellten sind all diese Aufgaben Teil der Ausbildungsverordnung. Und bei den ReFa-typischen Aufgaben wird \u00fcbrigens t\u00e4glich Post verschickt und empfangen. Genau genommen ist das klassische Kanzleipostfach Anfang und Ende der Kanzleiorganisation. Nicht zu verwechseln mit beA, da geht es um die Ende-zu-Ende-Verschl\u00fcsselung. Vielleicht fragen Sie sich gerade, was die ReFa denn noch zu tun hat, wenn sie unter Einsatz eines elektronischen Postfachs nicht einmal mehr die Briefumschl\u00e4ge aufschlitzen oder frankieren muss? Die Bearbeitung der Eingangs- und Ausgangspost wird \u00fcbrigens nur von denen bel\u00e4chelt, die nicht wissen, was ein Fristvers\u00e4umnis f\u00fcr den Rechtsanwalt bedeutet. Die sorgf\u00e4ltige und sachkundige Postbearbeitung ist die Grundlage der Fristenerfassung.<\/p>\n<p>Da sitzt die Achillesferse der Kanzlei. Im besten Fall sitzt an der Stelle eine zuverl\u00e4ssige und geschulte Fachkraft &#8211; so ist es im anwaltlichen Berufsrecht vorgeschrieben. Der BGH wei\u00df das und spricht gern von Organisationsverschulden. Die ausgebildete Rechtsanwaltsfachangestellte wei\u00df, wie man die Wiedereinsetzung der Frist beantragt. Das ist \u00fcbrigens auch der Grund, warum nun sogar internationale Wirtschaftskanzleien wieder eine ReFa suchen. Die sollte m\u00f6glichst eine Fristen-ReFa sein, die f\u00fcr alle Partner der Kanzlei die Fristen berechnet, erfasst, kontrolliert und sachgem\u00e4\u00df streicht. Die Zahl der Prozesse und Verfahren im beratungsintensiven Wirtschaftsrecht w\u00e4chst zusehends. In den Gro\u00dfkanzleien werden Abteilungen mit klangvollen Namen wie \u201elitigation dispute resolution &amp; risk management\u201c aufgebaut und da sollte nun eine ReFa auch die Post aufmachen und irgendwann beA benutzen.<\/p>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Die qualifizierte Rechtsanwaltsfachangestellte oder Rechtsfachwirtin sorgt f\u00fcr Rechtssicherheit in der Kanzleiorganisation<\/span><\/h5>\n<p>Die Postbearbeitung und das Fristenwesen unterliegt als Teil der Kanzleif\u00fchrung dem Anwalt und ist mit dem anwaltlichen Berufsrecht in der BRAO und BORA geregelt.\u00a0 Da das anwaltliche Berufsrecht nicht Teil der Pflichtausbildung des Anwalts ist, lernt auch hier die ReFa das in ihrer Ausbildung. Die Pflichten des Rechtsanwalts in Bezug auf die Organisation seiner Kanzlei werden zu einem gro\u00dfen Teil von der Rechtsanwaltsfachangestellten umgesetzt. Gerade in ihrer Funktion als B\u00fcrovorsteherin und mit der Qualifikation als Rechtsfachwirtin organisiert sie die Kanzlei, sie definiert die Ablauforganisation und sorgt im Tagesgesch\u00e4ft f\u00fcr die Rechtssicherheit in der externen Kommunikation mit Gerichten und Mandanten, dies beginnt mit dem Datenschutz und der Kollisionspr\u00fcfung. Die ReFa hat das in ihrer dreij\u00e4hrigen dualen Ausbildung als Rechtsanwaltsfachangestellte gelernt. Sie hat das mit h\u00e4mmernder Wiederholung einge\u00fcbt und nicht nur f\u00fcr die Pr\u00fcfung vor der Rechtsanwaltskammer, sondern f\u00fcr die t\u00e4gliche Anwendung in der Kanzlei.\u00a0Und so f\u00e4llt ihr nun auch beA in den Schoss. Der Rechtsanwalt darf im Rahmen seiner Kanzleif\u00fchrung Aufgaben an die geschulte, ge\u00fcbte und zuverl\u00e4ssige Rechtsanwaltsfachangestellte delegieren &#8211; und das macht er doch prompt. Hoffentlich nicht \u00fcber das erlaubte Ma\u00df hinaus. Das ist n\u00e4mlich bei beA eine Sache der Haftung. Aber der Anwalt vertraut ja seiner ReFa und da darf sie auch mal das mit den beA-Karten, den Zugriffsrechten und mit den Signaturen regeln.<\/p>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Wer bedient eigentlich die Kanzleisoftware?<\/span><\/h5>\n<p>Aber zur\u00fcck zur Digitalisierung. Die Anbieter von Kanzleisoftware und vor allem die LegalTech Vertreter sind ja oft von der Vorstellung beseelt, dass die ReNo (sie wird leider als Sammelbegriff f\u00fcr alle Kanzleimitarbeiter angesehen) wegdigitalisiert wird. Damit erwecken sie bei den Kanzleieignern und Kanzleimanagern, die h\u00e4nderingend eine ReNo suchen, ja durchaus eine gewisse Hoffnung. Dann w\u00e4re dieses Problem des Mangels ja irgendwann gel\u00f6st.<\/p>\n<p>Ich frage mich allerdings, was oder besser gesagt, \u00a0wer denn diese Digitalisierung ist, die ganz alleine in der Kanzlei die Post bearbeitet, die Fristen eintr\u00e4gt, die Kostennoten erstellt, die Zwangsvollstreckung einleitet, mit dem Gericht und dem Mandanten kommuniziert, ans Telefon geht und dem Anwalt zeigt, in welcher Cloud gerade die Klageschrift im Fall M\u00fcller\/Maier rumflattert.<\/p>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Weggelaufen statt wegdigitalisiert<\/span><\/h5>\n<p>Aktuell zeigt sich leider eine gegenseitige Entwicklung, keine Spur von wegdigitalisiert eher von weggelaufen. Es gibt erfahrene Rechtsanwaltsfachangestellte und qualifizierte Rechtsfachwirte, die ihre Kanzlei aufgrund der mangelhaften und zeitraubenden Kanzleisoftware verlassen. Dass man wegen seinem Anwalt geht oder mit der Kollegin nicht klarkommt, das kannte ich ja schon, aber wegen der Kanzleisoftware? Ja, die Bewerber fragen heute ganz genau nach, welche Kanzleisoftware der potentielle Arbeitgeber installiert hat. Bei n\u00e4herem Nachfragen hat sich gezeigt, dass nur in wenigen F\u00e4llen das installierte Produkt als g\u00e4nzlich ungeeignet eingestuft wird. Das Problem liegt eher darin, dass in Kanzleien teilweise Sparl\u00f6sungen installiert werden, Module aus Kostengr\u00fcnden sogar abbestellt werden, dass bei Kanzleifusionen Systeme nicht zusammengef\u00fcgt werden. Dann soll ReFa mal gucken, wie sie die mitgebrachten Akten und Mandate in das System der neuen Kanzlei bekommt &#8211; neben dem Tagesgesch\u00e4ft versteht sich und bitte ohne Fristvers\u00e4umnis.<\/p>\n<p>Verr\u00fcckt, da lassen sich die zahlreichen Anbieter von Kanzleisoftware &#8211; von RA-Micro, Advocart, Advolux, Advoware, Annotext, DATEV, Lawfirm, bis STP (um hier nur einige zu nennen) nun ganz moderne Sachen einfallen, installieren alle m\u00f6glichen Suchfunktionen und integrieren Schnittstellen und dann werden diese Module und Tools aus Kostengr\u00fcnden abbestellt oder gar nicht erst in Erw\u00e4gung gezogen.\u00a0 Man hat vielfach auch Angst, dass man mit jedem neuen Baustein die Kanzleimitarbeiter schulen muss, denn das gibt es bekanntlich ja auch nicht umsonst. Die Weiterbildung der ReNo soll nichts kosten und wenn doch, dann sollte sie mal sch\u00f6n selbst bezahlen. Nicht, dass sie noch k\u00fcndigt, wenn sie schlau geworden ist. Es ist \u00fcbrigens leider nicht selbstverst\u00e4ndlich, dass die Kanzleieigner die Kosten f\u00fcr die Teilnahme ihrer Rechtsfachwirtin oder Notarfachwirtin am Rechtsfachwirttag \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h5><span style=\"color: #ff0000;\">Digitalisierung kostet Geld und ReNo Geh\u00e4lter steigen<\/span><\/h5>\n<p>Ja, Digitalisierung kostet Geld. Da ist eine ge\u00fcbte ReNo im Zweifel sogar noch billiger. Leider ist das ein Trugschluss bei der aktuellen Marktentwicklung. Die Hinwendung zum Bewerbermarkt und der Nachwuchsmangel bei den ReNoPat-Berufen kommt einigen Arbeitgebern im Kanzleimarkt schon heute sehr teuer zu stehen. Wenn heute eine Fachkraft im Kanzleibereich k\u00fcndigt, sei es nun eine Rechtsanwaltsfachangestellte, eine Notarfachangestellte, eine Patentanwaltsfachangestellte oder eine klassische Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte, dann zahlt man bei einer Neueinstellung definitiv drauf, unabh\u00e4ngig von den Kosten f\u00fcr Zeitarbeitskr\u00e4fte, Stellenanzeigen, Vermittlungsgeb\u00fchren und Provisionen f\u00fcr Headhunter und Einarbeitungszeit. Dazu kommt, dass die Neue meist nicht besser oder sogar wesentlich schlechter ausgebildet ist als die, die man verloren hat. Wie will man beurteilen, was die neue Mitarbeiterin kann? Kann die Neue die Fristen berechnen, im Zweifel pl\u00e4diert der BGH auf Organisationsverschulden. Was kostet eine Fehlbesetzung? In jedem Fall weniger als ein Fristvers\u00e4umnis. Das klingt hart, ist es auch. Ca. 40 % alles Haftungsf\u00e4lle im Anwaltsbereich wurden durch Fristvers\u00e4umnisse verursacht. Das wird \u00fcbrigens nicht besser, wenn beA am Start ist, es wird nur anders. Der BGH wei\u00df auch dies und ist schon vorbereitet.<\/p>\n<p>Jeder Anwalt, Kanzleieigner und Kanzleimanager sollte sich fragen, wer denn die digitalen Produkte in der Kanzlei nutzt, bedient und damit tagt\u00e4glich klarkommen muss. Wenn die Partnerrunde \u00fcber die neue Softwarel\u00f6sung mit den Softwarenanbietern verhandelt, sollte die Rechtsfachwirtin oder Rechtsanwaltsfachangestellte einbezogen und gefragt werden. Am besten, man fragt sie nicht nur, sondern h\u00f6rt sie auch an. Wenn im digitalen Zeitalter teuer bezahlte Fachkr\u00e4fte Adressaufkleber mit der Hand beschriften, nachdem sie die Adresse mit ihrem privaten Smartphone gegoogelt haben, l\u00e4uft etwas in die falsche Richtung und wird am Ende teuer.<\/p>\n<p>Im Dezember 2018, kurz vor Nikolaus, treffen sich die LegalTech-Vertreter und Software-Anbieter des Kanzleimarktes zum LEGAL\u00aeEVOLUTION Expo &amp; Congress 2018 in Darmstadt. Das Programm verspricht eine gro\u00dfe Bandbreite an Themen und man gibt sich mit englischsprachigen Beitr\u00e4gen sehr international. Vielleicht ist das ein Grund, warum die ReNo im Programm wieder einmal nicht vorkommt. Die Englischkenntnisse der Kanzleimitarbeiter lassen ja meist zu w\u00fcnschen \u00fcbrig. Ja egal der Anwalt, so eine ReNo wird nun auch nicht den Rechtsmarkt revolutionieren, nicht mit Blockchain arbeiten und nicht den Workflow optimieren. Sie macht eben einfach nur ihren Job und sorgt f\u00fcr den fristgerechten Posteingang bei Gericht.<\/p>\n<p>Dabei f\u00e4llt mir auf, in dem Programm zum Legal\u00aeEvolution Congress ist auch nicht von beA die Rede. Ich vermute, die Firma Atos wird auch nicht als Aussteller unter den Softwareanbietern auf dieser Expo weilen. Schade eigentlich, es g\u00e4be bestimmt viele Fragen der anwesenden Rechtsanw\u00e4lte. Denn egal, ob man die Digitalisierung und LegalTech begr\u00fc\u00dft oder ablehnt, beA trifft jeden der 163.000 Anw\u00e4lte in Deutschland.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ReNo &#8211; wegdigitalisiert oder weggelaufen? Nein, die Rechtsanwaltsfachangestellte bleibt in Zeiten der Digitalisierung unverzichtbar. Am Rande von Zukunftskongressen der Anwaltschaft und LegalTech-Konferenzen der Rechtsdienstleister fallen oft Bemerkungen \u00fcber die ReNo, obwohl die ReNo an sich auf diesen Branchentreffen kaum eine Rolle spielt. 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