ReNo Umschulung 2017

ReNos werden dringend gebraucht.

Der Mangel in dieser Berufsgruppe ist auch der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter bekannt. Die ReNo gehört seit Jahren, neben den Berufskraftfahrern und Pflegekräften, zu den besonders förderungsfähigen Berufen der Bundesagentur für Arbeit. Hier werden nicht nur Umschulungen bewilligt, sondern auch jedem, der aus einem gesundheitlich oder persönlichen Grund im Erwachsenenalter noch einmal eine Ausbildung machen möchte, dingend empfohlen. Dabei scheint es oft keine Rolle zu spielen, ob er oder sie an diesem Berufsbild Interesse zeigen, man verspricht, dass man in jedem Fall einen Job findet.

„Die Anwälte suchen immer, da bekommen sie nach der Umschulung garantiert einen Job.“

Die Umschulung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten wird in Berlin von mehreren privaten Bildungsträgern angeboten. Innerhalb von 24 Monaten lernen die Erwachsenen in der schulischen Ausbildung theoretisch, was praktisch wichtig ist. Eingeschlossen ist ein 10 monatiges Praktikum in einer Kanzlei bestenfalls auch in einem Notariat. Ziel der Ausbildung ist die Prüfung vor der Rechtsanwaltskammer Berlin. Immerhin haben sich im Jahr 2017 von den in Berlin geschulten Umschülern 103 der Kammerprüfung gestellt. Die ist als mutiger Schritt zu werten, denn oft fühlen sich die Umschüler trotz einer 6 Wöchigen Prüfungsvorbereitung nicht genügend auf die Kammerprüfung vorbereitet. Die Ursachen sind bei einer schulischen Ausbildung in der mangelnden Praxis zu suchen. Die praktische Arbeit einer ReNo unterliegt strengen Regeln und unabdingbaren Vorgaben, die durch das die ZPO und das anwaltliche Berufsrecht BORA und BRAO vorgegeben sind. Man erlernt sie durch stoisches Üben und hämmernde Wiederholung. Dies erweist sich in einer schulischen Ausbildung als schwierig und fundamentiert sich meist während des Praktikums. Im Rechtsanwaltsbereich kann man als Umschüler wenigstens mit Diktaten beschäftigt werden, im Notariat kann man schon stolz sein, wenn man mal eine Urkunde nähen darf. Einem Umschüler wird in der Regel während des Praktikums noch weniger zugetraut als einem Auszubildenden, was zur Folge hat, dass sie die notwendige Praxis während der Umschulung nicht erreichen. Die Noten der Kammerprüfung liegen oft noch unter dem Durchschnitt der Auszubildenden, ein Drittel verlässt die Umschulung mit einem „nicht bestanden.“ Bei gerade einmal 103 Prüfungsteilnehmern, muss man davon ausgehen, dass eine gewisse Anzahl von Umschülern sich der Kammerprüfung nicht unterziehen, weil sie einfach der Mut verlassen hat.

An die Umschulung reihen sich Praktika und geförderte Arbeitsplätze

Die Ernüchterung setzt für die meisten Umschüler ein, wenn sie die Umschulung abgeschlossen haben und mit den besten Wünschen in den Arbeitsmarkt entlassen werden. Auf viele Bewerbungen erfolgt nicht einmal eine Reaktion, andere werden AGG konform abgesagt, nur wenige führen zum Vorstellungsgespräch. Die Hoffnung ist ebenso groß wie die nachfolgende Enttäuschung. „Ach, sie haben nur ein Praktikum und ansonsten gar keine Berufserfahrung in einer Kanzlei?“ Es hagelt Absagen. Und so sitzt der Umschüler wieder im Jobcenter. Na, wenn es an der Praxis hapert, dann sollten wir es mal mit einem Praktikum versuchen, das wird von der Agentur gefördert. Es folgen drei Praktika, in denen der Umschüler nun wenigstens ein bisschen praktische Erfahrungen sammeln kann. Dann gibt es ja noch den Arbeitgeberzuschuss. Je nach individuellen Voraussetzungen des Förderwürdigen übernimmt die Agentur die Lohnzahlung ganz oder teilweise. Gut, das hilft dem Arbeitgeber. Der geförderte Mitarbeiter wird meist nach Ablauf der Förderung wieder entlassen. Es ist schwierig, sagt der Arbeitgeber: „Die Umschüler sind ja teilweise älter als unsere erfahrenen Kollegen und können trotzdem viel weniger, das haben wir uns anders vorgestellt.“

Motivation, Lebenserfahrung und Leistungswille 

Was hier passiert ist ebenso verschwenderisch wie kurzsichtig. Da hat ein Mensch in der Mitte seines Lebens noch einmal den Mut gefasst und die Anstrengungen einer Ausbildung auf sich genommen, hat sich in Praktika mit Hilfsarbeiten abgegeben und trotzdem sein Bestes gegeben, hat sich nicht selten Geringschätzung und sogar Mobbing-Attacken ausgesetzt, hat sich einer Kammerprüfung unterzogen, die selbst wesentlich jüngere Prüfungsteilnehmer schwitzen lässt, hat hunderte Bewerbungen geschrieben und scheitert nun daran, dass er innerhalb der Probezeit nicht genauso schnell und fehlerfrei arbeitet, wie die langjährigen Kanzleimitarbeiter. Dabei würde er die Chance gern nutzen, denn sein erster Beruf ist vielleicht der Digitalisierung zum Opfer gefallen oder kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausgeführt werden oder aber er will jetzt unbedingt im Notariat arbeiten, weil es ihm einfach Freude bereitet.

Die seit Jahren angestimmten Klagelieder über den ReNo-Mangel haben bei den Arbeitgebern leider noch nicht zu der Einsicht geführt, dass man seine Tür weit aufmachen muss, um einen neuen Mitarbeiter zu gewinnen. Der viel zitierte demografische Wandel sorgt auch dafür, dass man den zweiten Bildungsweg als Chance nutzen sollte. Man kann sich sogar glücklich schätzen, dass dies noch von der Agentur für Arbeit gefördert und teilweise zu 100% finanziert wird.

P.S. Es gibt übrigens nicht wenige ReNos, die von der Agentur für Arbeit eine Umschulung bewilligt bekommen, weil sie nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten möchten oder es gesundheitlich nicht mehr verkraften.