ReNo-Ausbildungszahlen 2018 Berlin

ReNoPat Azubi 2018 RAK Berlin

Alles andere als befriedigend waren die Ausbildungszahlen für den Beruf der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten für Berlin auch im vergangenen Jahr. Und es ist auch überhaupt kein Grund zur Freude (wie es der Kammerton verkündete), dass weit weniger Auszubildende die Lehrzeit vorzeitig abgebrochen haben als im Vorjahr. (134/61) Denn es haben 2018 bereits viel weniger Schüler eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei aufgenommen als im Jahr zuvor (292/224). Was aber ohne Zweifel als absolut unzufriedend zu bewerten ist, ist die Qualität der Ausbildung. Gerade einmal 26 Azubis haben besser als befriedigend abgeschnitten und 35 junge Menschen haben die Kammerprüfung leider gar nicht erst bestanden. Alles in allem ein verdammt schlechtes Zeugnis. Aber dieses schlechte Zeugnis trifft nicht in erster Linie die Auszubildenden, denn die meisten haben ihr bestes gegeben. Das Zeugnis trifft auch nicht die Ausbilder, die sich mit der neuen Ausbildungsverordnung für die Berufsgruppe der Rechtsanwalt- Notarfachangestellten abmühen und immer noch nicht auf die Anforderungen eines durch Internationalisierung und Digitalisierung extrem veränderten Rechtsmarkt vorbereitet sind.
Das schlechte Zeugnis trifft eine Branche, die eigentlich gar keine ist. Der deutsche Rechtsdienstleistungsmarkt ist so heterogen, zersplittert, ja zunehmend zerstritten und an seiner Selbstverwaltung erlahmt, dass er für einen jungen Menschen, der eine berufliche Zukunft sucht, als Arbeitgeber gar nicht sichtbar wird und im Zweifel auch nicht attraktiv erscheint. Die Abwanderung der Berliner Auszubildenden in die Justiz ist ein deutliches Indiz für das Versagen der Kammer. Das Kammergericht Berlin sucht derweil auf Berufsorientierungs- und Karrieremessen und auf großflächigen Plakaten recht erfolgreich nach „Rechthabern“. Man wirbt in diesem Zusammenhang ganz offen mit der fest stehenden Ausbildungsvergütung und dem Einstiegsentgelt. Weit wandern müssen die Schüler dann gar nicht, denn sie werden gemeinsam am Oberstufenzentrum, der Hans-Litten-Schule, in der Charlottenburger Danckelmannstraße unterrichtet. Sie brauchen eigentlich nur über den Flur gehen und ins Nachbarzimmer entschwinden. Das tun sie auch zu recht, wie die Berufsschullehrer zu berichten wissen. „Die Anwälte haben das nicht besser verdient, die wollen doch nicht zahlen.“

 

ReNo-Umschüler mit RAK-Prüfung 2017 in Berlin

ReNo Umschulung 2017

ReNos werden dringend gebraucht.

Der Mangel in dieser Berufsgruppe ist auch der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter bekannt. Die ReNo gehört seit Jahren, neben den Berufskraftfahrern und Pflegekräften, zu den besonders förderungsfähigen Berufen der Bundesagentur für Arbeit. Hier werden nicht nur Umschulungen bewilligt, sondern auch jedem, der aus einem gesundheitlich oder persönlichen Grund im Erwachsenenalter noch einmal eine Ausbildung machen möchte, dingend empfohlen. Dabei scheint es oft keine Rolle zu spielen, ob er oder sie an diesem Berufsbild Interesse zeigen, man verspricht, dass man in jedem Fall einen Job findet.

„Die Anwälte suchen immer, da bekommen sie nach der Umschulung garantiert einen Job.“

Die Umschulung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten wird in Berlin von mehreren privaten Bildungsträgern angeboten. Innerhalb von 24 Monaten lernen die Erwachsenen in der schulischen Ausbildung theoretisch, was praktisch wichtig ist. Eingeschlossen ist ein 10 monatiges Praktikum in einer Kanzlei bestenfalls auch in einem Notariat. Ziel der Ausbildung ist die Prüfung vor der Rechtsanwaltskammer Berlin. Immerhin haben sich im Jahr 2017 von den in Berlin geschulten Umschülern 103 der Kammerprüfung gestellt. Die ist als mutiger Schritt zu werten, denn oft fühlen sich die Umschüler trotz einer 6 Wöchigen Prüfungsvorbereitung nicht genügend auf die Kammerprüfung vorbereitet. Die Ursachen sind bei einer schulischen Ausbildung in der mangelnden Praxis zu suchen. Die praktische Arbeit einer ReNo unterliegt strengen Regeln und unabdingbaren Vorgaben, die durch das die ZPO und das anwaltliche Berufsrecht BORA und BRAO vorgegeben sind. Man erlernt sie durch stoisches Üben und hämmernde Wiederholung. Dies erweist sich in einer schulischen Ausbildung als schwierig und fundamentiert sich meist während des Praktikums. Im Rechtsanwaltsbereich kann man als Umschüler wenigstens mit Diktaten beschäftigt werden, im Notariat kann man schon stolz sein, wenn man mal eine Urkunde nähen darf. Einem Umschüler wird in der Regel während des Praktikums noch weniger zugetraut als einem Auszubildenden, was zur Folge hat, dass sie die notwendige Praxis während der Umschulung nicht erreichen. Die Noten der Kammerprüfung liegen oft noch unter dem Durchschnitt der Auszubildenden, ein Drittel verlässt die Umschulung mit einem „nicht bestanden.“ Bei gerade einmal 103 Prüfungsteilnehmern, muss man davon ausgehen, dass eine gewisse Anzahl von Umschülern sich der Kammerprüfung nicht unterziehen, weil sie einfach der Mut verlassen hat.

An die Umschulung reihen sich Praktika und geförderte Arbeitsplätze

Die Ernüchterung setzt für die meisten Umschüler ein, wenn sie die Umschulung abgeschlossen haben und mit den besten Wünschen in den Arbeitsmarkt entlassen werden. Auf viele Bewerbungen erfolgt nicht einmal eine Reaktion, andere werden AGG konform abgesagt, nur wenige führen zum Vorstellungsgespräch. Die Hoffnung ist ebenso groß wie die nachfolgende Enttäuschung. „Ach, sie haben nur ein Praktikum und ansonsten gar keine Berufserfahrung in einer Kanzlei?“ Es hagelt Absagen. Und so sitzt der Umschüler wieder im Jobcenter. Na, wenn es an der Praxis hapert, dann sollten wir es mal mit einem Praktikum versuchen, das wird von der Agentur gefördert. Es folgen drei Praktika, in denen der Umschüler nun wenigstens ein bisschen praktische Erfahrungen sammeln kann. Dann gibt es ja noch den Arbeitgeberzuschuss. Je nach individuellen Voraussetzungen des Förderwürdigen übernimmt die Agentur die Lohnzahlung ganz oder teilweise. Gut, das hilft dem Arbeitgeber. Der geförderte Mitarbeiter wird meist nach Ablauf der Förderung wieder entlassen. Es ist schwierig, sagt der Arbeitgeber: „Die Umschüler sind ja teilweise älter als unsere erfahrenen Kollegen und können trotzdem viel weniger, das haben wir uns anders vorgestellt.“

Motivation, Lebenserfahrung und Leistungswille 

Was hier passiert ist ebenso verschwenderisch wie kurzsichtig. Da hat ein Mensch in der Mitte seines Lebens noch einmal den Mut gefasst und die Anstrengungen einer Ausbildung auf sich genommen, hat sich in Praktika mit Hilfsarbeiten abgegeben und trotzdem sein Bestes gegeben, hat sich nicht selten Geringschätzung und sogar Mobbing-Attacken ausgesetzt, hat sich einer Kammerprüfung unterzogen, die selbst wesentlich jüngere Prüfungsteilnehmer schwitzen lässt, hat hunderte Bewerbungen geschrieben und scheitert nun daran, dass er innerhalb der Probezeit nicht genauso schnell und fehlerfrei arbeitet, wie die langjährigen Kanzleimitarbeiter. Dabei würde er die Chance gern nutzen, denn sein erster Beruf ist vielleicht der Digitalisierung zum Opfer gefallen oder kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausgeführt werden oder aber er will jetzt unbedingt im Notariat arbeiten, weil es ihm einfach Freude bereitet.

Die seit Jahren angestimmten Klagelieder über den ReNo-Mangel haben bei den Arbeitgebern leider noch nicht zu der Einsicht geführt, dass man seine Tür weit aufmachen muss, um einen neuen Mitarbeiter zu gewinnen. Der viel zitierte demografische Wandel sorgt auch dafür, dass man den zweiten Bildungsweg als Chance nutzen sollte. Man kann sich sogar glücklich schätzen, dass dies noch von der Agentur für Arbeit gefördert und teilweise zu 100% finanziert wird.

P.S. Es gibt übrigens nicht wenige ReNos, die von der Agentur für Arbeit eine Umschulung bewilligt bekommen, weil sie nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten möchten oder es gesundheitlich nicht mehr verkraften.

Gut gerutscht, gesprungen oder geflogen?

Hatten Sie einen guten Rutsch? Sind Sie gut gelandet?

Man kann ja auf unterschiedliche Art und Weise ins neue Jahr kommen. Man kann so reinrutschen und noch im Februar das Gefühl haben, es ist alles beim Alten. Man kann sich viel vornehmen, den Absprung wagen und schon in den ersten Wochen des Jahres eine Punktlandung hinlegen. Man kann aber auch fliegen – und auch das auf unterschiedliche Weise. Entweder hat man sich zu viel vorgenommen, ist zu hoch geflogen und legt eine Bruchlandung hin, dann heißt es: aufstehen, Krone richten und weiter gehen. Oder man fliegt über das Ziel hinaus, dann muss man sich erst einmal sammeln und neu orientieren.
Man kann aber auch fliegen – einfach so – unerwartet, unverschuldet und fast unbemerkt. Dann steht man da, am Anfang des Jahres, es ist kalt, nass und dunkel. Eigentlich wollte man in den Urlaub fliegen und nun zieht man eine Wartenummer.
Trotz aller Berichte über Nachwuchs- und Fachkräftemangel, von freien Ausbildungsplätzen und unbesetzten Arbeitsstellen, gibt es sie, die Menschen, die ihren Job verlieren, deren Stelle nicht verlängert wurde, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln und die, die keiner ausbilden möchte.

Allen, die noch nicht gelandet, die ausgerutscht oder geflogen sind, stehe ich auch in diesem Jahr mit Rat, Unterstützung und einer geförderten Maßnahme zur Verfügung.

Familie + Karriere = Familienunternehmen

geburtstag fest

Fragen Sie doch bei der nächsten Familienfeier einmal, was sich die anwesenden Söhne und Töchter, Neffen, Nichten, Cousins und Cousinen unter einem Familienunternehmen vorstellen. Sie werden erstaunt sein. Am besten, sie halten zum Trost schon mal einen guten Schluck vom regionalen Bier oder vom benachbarten Weingut bereit.

„Wenn Mutti den Laden zu Hause schmeißt, muss ja schließlich alles gemacht werden – Kochen, Putzen, Kinder erziehen – dann ist sie Familienmanagerin, haha.“

„Na, der Döner an der Ecke oder der Italiener nebenan, das ist alles Familie, echt.“

„Familienunternehmen? Ne, ich bin froh, dass ich Familie erst mal los bin, die nervt nur.“

„Ich will lieber ein großes, sicheres und internationales Unternehmen, mit Geld und Karriere und so, ich habe ja schließlich studiert.“

Was für Vorstellungen! Auch wenn man nach dem „Mittelstand“ fragt, werden die Antworten nicht besser.

„Mittelstand? Keine Ahnung, Handwerker oder so?“

Wer auf Karriere getrimmt wird, gibt sich mit Mittelstand nicht zufrieden. Mittelstand klingt so nach Mittelmaß, der Nachwuchs will nach oben.

Nur, um Sie zu warnen, der gängige Satz „der Mittelstand ist der größte Arbeitgeber und Wachstumsmotor Deutschlands“ zeigt leider keine Wirkung – viel zu plakativ und abgedroschen.

Jetzt sind Sie mal ganz ehrlich zu sich selbst, die Kinder hören gerade nicht zu, über welches mittelständische Unternehmen können Sie spontan berichten? Welches Familienunternehmen können Sie als attraktiven Arbeitgeber oder Ausbildungsbetrieb empfehlen? Welche Karrieremesse kennen Sie, die nicht von den üblichen Konzernen initiiert wird? Sie meinen, Berufsorientierung ist jetzt nicht gerade Ihre Aufgabe? Oh doch, die Jugendlichen fragen immer noch in erster Linie ihre Eltern und Lehrer, wenn es um die Berufswahl geht. Außerdem sollte man ja mit der Orientierung nicht erst beginnen, wenn die Frage nach dem Berufswunsch schon unter den Nägeln brennt.

Wenn Sie sich orientieren möchten, dann empfehle ich den Karrieretag Familienunternehmen. Die Firmenkontaktmesse gibt es übrigens bereits seit 2006. Das Spannende daran, sie findet nicht in kargen Messehallen, sondern in lebenden Organisationen statt. Die nächste Messe ist am 13.11.2015 in Melsungen. In welchem Unternehmen sich die bereits angemeldeten Teilnehmer treffen, erklärt sich von selbst. Melsungen ist seit 175 Jahren die Familie B. Braun. Mit 54.000 Mitarbeitern in 62 Ländern erwirtschaftete die B. Braun AG im Jahr 2014 einen Umsatz von 5,4 Mrd. Euro. Das ist doch wohl alles andere als mittelmäßig.

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P.S. Wenn Sie sich gerade fragen, was dieser Beitrag denn mit Juristen zu tun hat? Nun, auf der Messe treffen Sie Ihre (zukünftigen) Mandanten.

1. Wirtschaftsjuristentag: Rück- und Ausblicke einer jungen Berufsgruppe

DSC_0013Wenn Absolventen des ersten Jahrgangs eines Fachbereichs  genau 15 Jahre später neben ihren ehemaligen Profs im Seminarraum sitzen, dann ist dies ein gutes Zeichen und vielleicht der Anfang für ein jährliches Alumnitreffen der Wirtschaftsjuristen an der Westfälischen Hochschule in Recklinghausen.

Akzeptanz und Selbstverständnis

Der, aus Anlass des 20-jährigen Bestehens des Fachbereichs Wirtschaftsrecht stattfindende, 1. Wirtschaftsjuristentag  war aber kein gewöhnliches Ehemaligentreffen, es war eine profunde Bestandsaufnahme. Denn als man vor 22 Jahren in Mainz das wirtschaftsjuristische  Studium in Deutschland ins Leben rief, war in keiner Weise abzusehen wo, wann und wie die damals noch auf Diplom studierenden Wirtschaftsjuristen einmal „unterkommen“ würden. Aber genau um die Beantwortung dieser Frage ging es dem Dekan des Fachbereichs Wirtschaftsrecht, Professor Bernhard Bergmans, der am 25.09.2015 neben Professoren anderer wirtschaftsjuristischer Ausbildungseinrichtungen vor allem die Absolventen nach Recklinghausen rief. Es kamen nicht alle, der inzwischen 25.000 berufstätigen Absolventen und auch nicht von allen der über 40 Hoch- und Fachschulen, die den Bereich Wirtschaftsrecht in der Zwischenzeit für sich entdeckt haben, aber es war ein gelungener Anfang.

Nach einigen in den letzten Jahren erfolgten Analysen, Befragungen und Statistiken zur Arbeitsmarkt- und Berufsakzeptanz des Wirtschaftsjuristen war es nun an der Zeit, persönliche Erlebnisberichte, Erfahrungen und Best Practice zu sammeln. Denn es ist zwischenzeitlich etwas ruhig geworden, um den interdisziplinären Studiengang zwischen Wirtschaft und Recht. Die offenen Angriffe der Volljuristen haben sich gelegt, die Universitäten bilden in der Zwischenzeit selbst Wirtschaftsjuristen aus, die Kultusministerkonferenz fordert die weitere Diversifizierung der juristischen Ausbildung und die Arbeitgeber haben den Wirtschaftsjuristen zumindest schon einmal als kostengünstige Alternative zum Volljuristen erkannt. Was geblieben ist, ist die immer noch verbreitete Unkenntnis über Ausbildungsinhalte und Einsatzmöglichkeiten der Juristen ohne Examensprüfung und Anwaltszulassung. Zugute halten muss man den Unternehmen und Personalern, dass die Zahl und Verschiedenartigkeit, insbesondere der Masterstudiengänge, kaum zu überblicken ist. Hier sind die Hochschulen im Werben um die zukünftigen Studenten wohl in ihrem Wunsch nach Einmaligkeit etwas über das Ziel hinaus geschossen. So ist auch die Anmerkung zu verstehen, dass es eher schwer ist, sich beim Hochschulwechsel Studienergebnisse anerkennen zu lassen. Aber hier kann der Austausch zwischen den als Tagungsreferenten geladenen Professoren aus Wismar, Kassel, Heilbronn und Pforzheim sowie die Wirtschaftsjuristische Hochschulvereinigung sicher Abhilfe schaffen. Der Wunsch nach Austausch und Vernetzung war von allen Beteiligten klar zu spüren, wenn es auch noch an tragfähigen Strukturen fehlt. In diesem Punkt ist der Studiengang noch ganz am Anfang. Aber Austausch und Selbstverständnis sind unverzichtbar. Der Wirtschaftsjurist ist eben kein klar definierter Beruf, nicht einmal eine geschützte Bezeichnung. Der Wirtschaftsjurist wird erst dann dauerhaft und vor allem seinem Wissen nach adäquat eingesetzt, wenn sein Berufsprofil klar erkennbar ist. Zugegeben, es ist eine Herausforderung und es birgt auch Gefahren, das Profil eines interdisziplinären Studiengangs genau zu schärfen, aber es ist andererseits die einmalige Chance, sich gegenüber dem breit aufgestellten Volljuristen zu positionieren. In den Diskussionen kam deshalb mehrmals die Frage auf:

Was erwartet die Wirtschaft von unseren Absolventen, welche Ausbildungsinhalte müssen wir aufnehmen, um zukunftsfähig zu bleiben?  

Bei der Komplexität, Divergenz und Internationalität unserer Wirtschaft läuft man Gefahr, sich zu sehr zu verzweigen und auch auf Entwicklungen aufzuspringen, die viel zu kurzlebig sind, als das das Bildungssystem darauf überhaupt reagieren könnte. Andererseits muss man die Studenten aber auch lenken und ihnen zeigen, in welchen Bereichen, sie dringend gebraucht werden. Um zukunftsfähig zu bleiben, ist es heute auch für Hochschulen unabdingbar, sich mit gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungen auseinanderzusetzen und vorauszudenken. Dabei geht es aber nicht nur um das Definieren von Arbeitsfeldern, sondern vielmehr darum,  die Kompetenzen der Zukunft zu erkennen und zu vermitteln. Das, was mit dem Wort „Soft Skills“ mehr erschlagen als beschrieben wird, ist der eigentliche Mehrwert des Wirtschaftsjuristen gegenüber dem Volljuristen. Wer für den Staatsdienst ausgebildet wird, ausschließlich am Fall arbeitet, seine Jugend in der Bibliothek und mit Beck online verbringt und selbst seinen Urlaubsbericht (samt Klage wegen Verspätung  des Fliegers und Baulärm in Hotelnähe) im Gutachtenstil verfasst, der hat zugegeben im Unternehmen einige Anpassungsschwierigkeiten. Hier liegt die Chance des Wirtschaftsjuristen. Vorausgesetzt, er hat die im Unternehmen unverzichtbaren Kompetenzen erworben oder weiß zumindest, worauf es ankommt. Dass Unternehmen im Bereich Compliance Wirtschaftsjuristen bevorzugen, ist keine Kostenfrage. Im Compliance geht es um Prozesse, um Steuerung, um Projekte und um Kommunikation auf allen Unternehmensebenen. Hier ist der Wirtschaftsjurist klar im Vorteil, wenn er auf diese Arbeitsweise bereits vorbereitet wurde. Wenn Bachelor- und Masterstudenten an den Fachhochschulen andererseits Probleme mit dem Verfassen der wissenschaftlichen Abschlussarbeiten haben, dann liegt es vielleicht auch daran, dass sie von Praktikern gelernt haben.

„Wissen. Was praktisch zählt.“

Dies steht auf der Tagungsmappe des 1. WiJu-Tages. Es ist zu wünschen, dass man sich diesem Slogan treu bleibt und sich noch mehr abgrenzt vom klassischen Nur-Juristen. Die Absolventen brauchen diese Abgrenzung, sie brauchen neben dem eigenen Selbstbewusstsein, das Selbstverständnis ihres Berufsstandes. Erst, wenn sie sich nicht mehr rechtfertigen, warum sie nicht Voll-Juristen sind, sondern ganz selbstverständlich davon sprechen, dass sie inhaltlich und praktisch für die Wirtschaft ausgebildet wurden, werden sie die Positionen im Unternehmen bekommen, die sie verdienen – und entsprechend verdienen. Inwieweit das bereits gelungen ist, ist in dem Tagungsband „Zwanzig Jahre Wirtschaftsjuristenausbildung“ detailliert beschrieben. Ein Dank an dieser Stelle dem Herausgeber Prof. Bernhard Bergmans und dem Logos Verlag Berlin. Der Band wird bis zum 2. Wirtschaftsjuristentag willkommener Anreiz sein, die Entwicklung zu beobachten und anzuschieben.

P.S. Wenn das Selbstverständnis der Wirtschaftsjuristen gereift ist, dann wird man auch in der Agentur für Arbeit erkennen, dass Wirtschaftsjuristen keine Rechtsanwalts- oder Notarfachangestellten sind. Außer dem Umstand, dass ihnen für diese Berufstätigkeiten die notwendigen Kammerprüfungen fehlen, sollen die Bachelor-  und Masterabsolventen doch nicht als schnelles Pflaster für die desolate Nachwuchssituation in den juristischen Assistenzberufen dienen. Wenn man langfristig darüber nachdenkt, Anschlussqualifizierungen für den Rechts- Notar- und Insolvenzbereich zu entwickeln, dann sollte man zunächst über die Möglichkeiten einer arbeitsteiligen und respektvollen Zusammenarbeit zwischen Volljuristen und Wirtschaftsjuristen nachdenken. Denn wo ein Mangel ist, gibt es nicht nur einen Weg, sondern auch einen Grund.

Üppiges Frühstück und spärlicher Nachwuchs

panthermedia_00250798Wenn sich Unternehmer zum Frühstück verabreden, dann kann es passieren, dass die Diskussion heißer ist als der Kaffee und auch das reichhaltige Buffet schnell nebensächlich erscheint, weil den Anwesenden einfach die Muße fehlt, um ausgiebig zu frühstücken. Da kann sich der Service noch so viel Mühe geben, der Nachwuchsmangel liegt den Unternehmern wie Blei im Magen und einiges stößt ihnen offenbar sauer auf, wie die schnell einsetzende Diskussion zeigte.

Der BVMW e.V. der Hauptstadtregion Nord und der Wirtschaftskreis Berlin-Pankow hatten am 04.09.2015 zum IV. politischen Unternehmerfrühstück Bezirksstadträtin und Leiterin der Abteilung Jugend und Facility Management Frau Christine Keil als Gast geladen und 30 UnternehmerInnen die Möglichkeit geboten, direkt die Themen anzusprechen, die ihnen zum Thema Bildung und Ausbildung in Pankow auf der Seele brennen. Frau Keil, Schirmherrin der „Ausbildungsoffensive Pankow“, gab ihnen einen Überblick zur Thematik und informierte über die Nachwuchssituation des Bezirks Pankow, der angesichts der wachsenden Einwohnerzahl, (384.367 Einwohner per 31. Dezember 2014) so manch deutsche Kleinstadt in den Schatten stellt. Frau Keil berichtete freudig von mehr Kindern, mehr Kitaplätzen, mehr Schülern und mehr Schulabgängern und das auch in den kommenden Jahren. Von mehr Auszubildenden konnte sie leider nicht berichten. Die spärlichen Zahlen lieferten die anwesenden UnternehmerInnen mit eindrucksvollen Beispielen. Dass ein Zahnarzt, der in seiner Praxis bereits 60 Auszubildende auf den Weg gebracht hat, früher aus 120 Bewerbungen auswählen konnte, heute gerade noch zwei Bewerbungen bekommt, lässt einen doch eher vorsichtig ins Körnerbrötchen beißen.

Wenn man heute nicht von Berufseinstieg sondern von Integration junger Menschen in Ausbildung und Arbeit spricht, dann ahnt man, dass da eine gewaltige Lücke klafft und zwar zwischen Schule und Wirtschaft, zwischen Anspruch und Anforderung und zwischen Reifeprüfung und Ausbildungsreife. Von dem schulischen Anspruch, jeden mitzunehmen und in das Schulsystem zu inkludieren, sind wir in der Ausbildung noch weit entfernt. Aber die Diskussionsrunde hat auch gezeigt, dass es viel Initiativen, Offensiven, Förderungen, Projekte und Kampagnen gibt, die an einem Unternehmeralltag auch vorbeirauschen können, zum Beispiel die Assistierte Ausbildung ein Projekt des BIBB zur Überwindung  der Kluft zwischen den Anforderungen der Betriebe und den Voraussetzungen der Jugendlichen. Das Thema Ausbildungsförderung muss noch viel stärker in den Fokus und Aufgabenbereich der Personalverantwortlichen rücken, denn es ist schon eine Herausforderung, mit allen Verantwortlichen und Beteiligten in Kontakt zu treten und in Verbindung zu bleiben. Begrüßenswert ist deshalb die Kooperation zwischen Schule, Agentur für Arbeit, Jobcenter und Jugendhilfe in Sachen beruflicher Orientierung und Integration, wie sie auch in Pankow angestrebt wird. Aber es genügt nicht, die Jugendlichen zu informieren, auch die Berater müssen auf die Realität vorbereitet werden. Und so ist das Pankower Lehrer-Praktikum, mit der Heinz-Brandt-Oberschule ein toller Beitrag für einen praxistauglichen und lebensnahen Unterricht! Lehrer gehen für einige Tage in die Pankower Unternehmen und lernen den Unternehmens- sowie den Unternehmeralltag kennen. Sie werden übrigens angehalten einen ausführlichen Paktikumsbericht zu schreiben.

An dieser Stelle herzlichen Dank an Myer´s Hotel im Berliner Prenzl´berg!

Nachwuchs für den Berliner ReNoPat – Markt

ReNoPat-Absolventen 2015 Berlin
Herzlichen Glückwunsch an die 129 Absolventen der Hans-Litten-Schule (OSZ Recht) in Berlin!

Von 163 Prüfungsteilnehmern haben 129 Azubis ihre ReNoPat – Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, wobei man in der Berlin davon ausgehen kann, dass es doch fast ausschließlich ReNo´s sind, die nun dem Berliner Kanzleimarkt zur Verfügung stehen. Das Patentwesen ist (noch) nicht in Berlin angekommen. Aber dazu mehr in einem späteren Artikel. Etwas über 100 frische ReNos stehen nun den Berliner Rechtsanwälten, Notaren und Anwaltsnotaren zu Diensten. Inwieweit die Absolventen während ihrer Ausbildung allerdings die Möglichkeit hatten, im Notariat mehr Einblick zu gewinnen, als nur den Notaren einige Praxiswochen lang über die Schulter zu schauen, kann man der Statistik leider nicht entnehmen. Was aber ganz offensichtlich ist, dass die Absolventenzahlen alles andere als vollbefriedigend sind. Die wenigen sehr guten Absolventen erinnern an die Examensprüfungen bei den Volljuristen, insofern werden sie den Anwalt nicht erschrecken. Aber hätte man in einem Ausbildungsberuf eine Durchfallerquote von über 20 % erwartet? Man darf nicht vergessen, dass die Abbrecherquote (also die, die erst gar nicht bis zur Abschlussprüfung durchhalten) in diesem Berufsfeld bei 28 % liegt.

An dieser Stelle eine Rechenaufgabe:

Wie viele Azubis muss man in Berlin rekrutieren um den Bedarf zu decken, wenn 28% hinschmeißen, 21 % durchfallen und noch einmal 12% mit ausreichend bestehen?

Tipp: Berlin (ohne Brandenburg) verzeichnet lt. RAK aktuell 13.774 Rechtsanwälte und 772 Notare.

P.S. Allein in der Stellenbörse der RAK Berlin sind aktuell (eine Woche vor Ausbildungsbeginn) noch 15 offene Ausbildungsplatzangebote zu finden.