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Rechtsanwaltsfachangestellte vs. Justizfachangestellter (*) Berlin

Vergütung ReFa vs. Justiz Berlin 2018

Der Gesamtvorstand der RAK Berlin hat am 10.05.2019 beschlossen, die Vergütungsempfehlungen für die Auszubildenden in den Berufen Rechtsanwaltsfachangestellte und Rechtsanwalts- und Notarfachangestellte nach nur 16 Monaten erneut anzuheben. Veröffentlicht im digitalen Kammerton Ausgabe 04/19. Die Empfehlung ist verbindlich und darf bei neu abgeschossenen Ausbildungsverhältnissen nicht unterschritten werden. Die eigentliche Empfehlung für die Berliner Anwaltschaft liegt allerdings darin, noch ein bisschen was on top zu packen, denn selbst die  Berliner Justiz zahlt mehr. Eine Besonderheit dieser Branche, dass man im Öffentlichen Dienst mehr verdient als in der freien Wirtschaft. Das wäre zum Beispiel im Gesundheitswesen undenkbar.

Aber auch der Rechtsmarkt gestaltet sich anders, als es sich auf den ersten Blick darstellt. Wechselt die ReFa nämlich nach ihrer Ausbildung in einer kleinen Kanzlei zu anderen Marktakteuren, zum Beispiel in eine internationalen Wirtschaftskanzlei, in eine WP-Gesellschaft oder eine Rechtsabteilung, erzielt eine Rechtsanwaltsfachangestellte durchaus ein Gehalt, das dieses Säulendiagramm sprengen würde. Es sagt nur keiner. Ja, es ist bedauerlich, dass immer noch die kleinen Marktakteure ausbilden und die Großen mit attraktiver Vergütung nach erfolgreichem Abschluss werben. Aber das Verschweigen der Chancen und Möglichkeiten dieser Berufsgruppe schadet diesem langsam sterbenden Berufsbild und nutzt keinem.

Ein erfolgsversprechender Weg bei der Nachwuchswerbung für die Rechtsanwaltsfachangestellten wäre es, stets die ganze Wahrheit zu sagen. Dazu zählt auch, dass man als einer der wenigen Bewerber für diesen Ausbildungsberuf bereits bei der Ausbildungsvergütung einen Verhandlungsspielraum hat.

ReNo-Ausbildungszahlen 2018 Berlin

ReNoPat Azubi 2018 RAK Berlin

Alles andere als befriedigend waren die Ausbildungszahlen für den Beruf der Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten für Berlin auch im vergangenen Jahr. Und es ist auch überhaupt kein Grund zur Freude (wie es der Kammerton verkündete), dass weit weniger Auszubildende die Lehrzeit vorzeitig abgebrochen haben als im Vorjahr. (134/61) Denn es haben 2018 bereits viel weniger Schüler eine Ausbildung in einer Anwaltskanzlei aufgenommen als im Jahr zuvor (292/224). Was aber ohne Zweifel als absolut unzufriedend zu bewerten ist, ist die Qualität der Ausbildung. Gerade einmal 26 Azubis haben besser als befriedigend abgeschnitten und 35 junge Menschen haben die Kammerprüfung leider gar nicht erst bestanden. Alles in allem ein verdammt schlechtes Zeugnis. Aber dieses schlechte Zeugnis trifft nicht in erster Linie die Auszubildenden, denn die meisten haben ihr bestes gegeben. Das Zeugnis trifft auch nicht die Ausbilder, die sich mit der neuen Ausbildungsverordnung für die Berufsgruppe der Rechtsanwalt- Notarfachangestellten abmühen und immer noch nicht auf die Anforderungen eines durch Internationalisierung und Digitalisierung extrem veränderten Rechtsmarkt vorbereitet sind.
Das schlechte Zeugnis trifft eine Branche, die eigentlich gar keine ist. Der deutsche Rechtsdienstleistungsmarkt ist so heterogen, zersplittert, ja zunehmend zerstritten und an seiner Selbstverwaltung erlahmt, dass er für einen jungen Menschen, der eine berufliche Zukunft sucht, als Arbeitgeber gar nicht sichtbar wird und im Zweifel auch nicht attraktiv erscheint. Die Abwanderung der Berliner Auszubildenden in die Justiz ist ein deutliches Indiz für das Versagen der Kammer. Das Kammergericht Berlin sucht derweil auf Berufsorientierungs- und Karrieremessen und auf großflächigen Plakaten recht erfolgreich nach „Rechthabern“. Man wirbt in diesem Zusammenhang ganz offen mit der fest stehenden Ausbildungsvergütung und dem Einstiegsentgelt. Weit wandern müssen die Schüler dann gar nicht, denn sie werden gemeinsam am Oberstufenzentrum, der Hans-Litten-Schule, in der Charlottenburger Danckelmannstraße unterrichtet. Sie brauchen eigentlich nur über den Flur gehen und ins Nachbarzimmer entschwinden. Das tun sie auch zu recht, wie die Berufsschullehrer zu berichten wissen. „Die Anwälte haben das nicht besser verdient, die wollen doch nicht zahlen.“

 

ReNo-Umschüler mit RAK-Prüfung 2017 in Berlin

ReNo Umschulung 2017

ReNos werden dringend gebraucht.

Der Mangel in dieser Berufsgruppe ist auch der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter bekannt. Die ReNo gehört seit Jahren, neben den Berufskraftfahrern und Pflegekräften, zu den besonders förderungsfähigen Berufen der Bundesagentur für Arbeit. Hier werden nicht nur Umschulungen bewilligt, sondern auch jedem, der aus einem gesundheitlich oder persönlichen Grund im Erwachsenenalter noch einmal eine Ausbildung machen möchte, dingend empfohlen. Dabei scheint es oft keine Rolle zu spielen, ob er oder sie an diesem Berufsbild Interesse zeigen, man verspricht, dass man in jedem Fall einen Job findet.

„Die Anwälte suchen immer, da bekommen sie nach der Umschulung garantiert einen Job.“

Die Umschulung zur Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten wird in Berlin von mehreren privaten Bildungsträgern angeboten. Innerhalb von 24 Monaten lernen die Erwachsenen in der schulischen Ausbildung theoretisch, was praktisch wichtig ist. Eingeschlossen ist ein 10 monatiges Praktikum in einer Kanzlei bestenfalls auch in einem Notariat. Ziel der Ausbildung ist die Prüfung vor der Rechtsanwaltskammer Berlin. Immerhin haben sich im Jahr 2017 von den in Berlin geschulten Umschülern 103 der Kammerprüfung gestellt. Die ist als mutiger Schritt zu werten, denn oft fühlen sich die Umschüler trotz einer 6 Wöchigen Prüfungsvorbereitung nicht genügend auf die Kammerprüfung vorbereitet. Die Ursachen sind bei einer schulischen Ausbildung in der mangelnden Praxis zu suchen. Die praktische Arbeit einer ReNo unterliegt strengen Regeln und unabdingbaren Vorgaben, die durch das die ZPO und das anwaltliche Berufsrecht BORA und BRAO vorgegeben sind. Man erlernt sie durch stoisches Üben und hämmernde Wiederholung. Dies erweist sich in einer schulischen Ausbildung als schwierig und fundamentiert sich meist während des Praktikums. Im Rechtsanwaltsbereich kann man als Umschüler wenigstens mit Diktaten beschäftigt werden, im Notariat kann man schon stolz sein, wenn man mal eine Urkunde nähen darf. Einem Umschüler wird in der Regel während des Praktikums noch weniger zugetraut als einem Auszubildenden, was zur Folge hat, dass sie die notwendige Praxis während der Umschulung nicht erreichen. Die Noten der Kammerprüfung liegen oft noch unter dem Durchschnitt der Auszubildenden, ein Drittel verlässt die Umschulung mit einem „nicht bestanden.“ Bei gerade einmal 103 Prüfungsteilnehmern, muss man davon ausgehen, dass eine gewisse Anzahl von Umschülern sich der Kammerprüfung nicht unterziehen, weil sie einfach der Mut verlassen hat.

An die Umschulung reihen sich Praktika und geförderte Arbeitsplätze

Die Ernüchterung setzt für die meisten Umschüler ein, wenn sie die Umschulung abgeschlossen haben und mit den besten Wünschen in den Arbeitsmarkt entlassen werden. Auf viele Bewerbungen erfolgt nicht einmal eine Reaktion, andere werden AGG konform abgesagt, nur wenige führen zum Vorstellungsgespräch. Die Hoffnung ist ebenso groß wie die nachfolgende Enttäuschung. „Ach, sie haben nur ein Praktikum und ansonsten gar keine Berufserfahrung in einer Kanzlei?“ Es hagelt Absagen. Und so sitzt der Umschüler wieder im Jobcenter. Na, wenn es an der Praxis hapert, dann sollten wir es mal mit einem Praktikum versuchen, das wird von der Agentur gefördert. Es folgen drei Praktika, in denen der Umschüler nun wenigstens ein bisschen praktische Erfahrungen sammeln kann. Dann gibt es ja noch den Arbeitgeberzuschuss. Je nach individuellen Voraussetzungen des Förderwürdigen übernimmt die Agentur die Lohnzahlung ganz oder teilweise. Gut, das hilft dem Arbeitgeber. Der geförderte Mitarbeiter wird meist nach Ablauf der Förderung wieder entlassen. Es ist schwierig, sagt der Arbeitgeber: „Die Umschüler sind ja teilweise älter als unsere erfahrenen Kollegen und können trotzdem viel weniger, das haben wir uns anders vorgestellt.“

Motivation, Lebenserfahrung und Leistungswille 

Was hier passiert ist ebenso verschwenderisch wie kurzsichtig. Da hat ein Mensch in der Mitte seines Lebens noch einmal den Mut gefasst und die Anstrengungen einer Ausbildung auf sich genommen, hat sich in Praktika mit Hilfsarbeiten abgegeben und trotzdem sein Bestes gegeben, hat sich nicht selten Geringschätzung und sogar Mobbing-Attacken ausgesetzt, hat sich einer Kammerprüfung unterzogen, die selbst wesentlich jüngere Prüfungsteilnehmer schwitzen lässt, hat hunderte Bewerbungen geschrieben und scheitert nun daran, dass er innerhalb der Probezeit nicht genauso schnell und fehlerfrei arbeitet, wie die langjährigen Kanzleimitarbeiter. Dabei würde er die Chance gern nutzen, denn sein erster Beruf ist vielleicht der Digitalisierung zum Opfer gefallen oder kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausgeführt werden oder aber er will jetzt unbedingt im Notariat arbeiten, weil es ihm einfach Freude bereitet.

Die seit Jahren angestimmten Klagelieder über den ReNo-Mangel haben bei den Arbeitgebern leider noch nicht zu der Einsicht geführt, dass man seine Tür weit aufmachen muss, um einen neuen Mitarbeiter zu gewinnen. Der viel zitierte demografische Wandel sorgt auch dafür, dass man den zweiten Bildungsweg als Chance nutzen sollte. Man kann sich sogar glücklich schätzen, dass dies noch von der Agentur für Arbeit gefördert und teilweise zu 100% finanziert wird.

P.S. Es gibt übrigens nicht wenige ReNos, die von der Agentur für Arbeit eine Umschulung bewilligt bekommen, weil sie nicht mehr in ihrem Beruf arbeiten möchten oder es gesundheitlich nicht mehr verkraften.